Basiswissen

Vermissten- und Verschüttetensuchhunde sind stets mit einer Vielzahl von Gerüchen konfrontiert, aus denen sie, den für das Auffinden von Personen wesentlichen Geruch herausfiltern müssen. Hier gilt es insbesondere in der Ausbildung diese Randbedingungen zu berücksichtigen. Randbedingungen können unter anderem Temperatur und umgebungsbedingte Temperaturgradienten sowie Luftströmungen, Luftfeuchte etc. sein.

Stoffe die als Riechstoffe gelten, müssen flüchtig sein. Grundsätzlich ist es von der Siedetemperatur bzw. dem Dampfdruck der jeweiligen Substanz abhängig, ob diese in die Gasphase übertritt.
(Moore W.J. & Hummel D.O. 1986).

Bedingungen für flüchtige Substanzen:

  • Träger von Geruchsinformationen die zu den flüchtigen Substanzen zählen, sind nur relativ kleine Moleküle – bis zu einer Molmasse ca. 300 g/mol (entspricht ca. 20 Kohlenstoffatome bei organischen Substanzen) können Moleküle bei normalen Temperaturen flüchtig sein. Darüber ist um einiges mehr Energie nötig um die Moleküle aus ihrem Verband (in der Regel der Flüssigkeit oder auch dem Feststoff) herauszureißen (Legrum W. 2015). Gase anorganischer Natur, wie Kohlendioxid, Kohlenmonoxid, Stickstoffoxide, Schwefeldioxid etc., erfüllen diese Bedingungen ebenfalls. Die flüchtigen Verbindungen können in der Gasphase verbleiben, d.h. sie kondensieren nicht. Daher sind Substanzen mit niedrigem Siedepunkt eher in der Gasphase zu finden als solche mit hohem Siedepunkt.
    Je größer ein Molekül desto höher ist in der Regel der Siedepunkt. Ausschlaggebend dafür ist neben der Molmasse, die Molekülgeometrie, die Ladungsverteilung, die Bindungspartner und Zwischenmolekulare Wechselwirkungskräfte (Moore & Hummel 1986; Mortimer & Müller 2015).
  • Je geringer die Wechselwirkung zwischen den Teilchen ist, desto leichter flüchtig ist eine Substanz. Wasser, das für uns geruchsneutral ist, nimmt eine Sonderstellung ein, da durch die starken Wechselwirkungen zwischen den Molekülen (=Wasserstoffbrückenbindungen) unerwartet viel Energie nötig ist um Wasser in die Gasphase zu bringen – zu verdampfen (Moore & Hummel 1986).

Schlussfolgerungen für die Geruchsabsonderung des menschlichen Körpers und die Sucharbeit von Vermissten- und Verschüttetensuchhunden:

  • Ein warmer, aktiver Körper sondert mehr Geruch ab als einer, dessen Stoffwechsel heruntergefahren wird, also ein kalter Körper.
  • Ein toter Körper, sondert wiederum insbesondere im Warmen sehr viel Geruch ab, da sehr schnell mikrobiologische Abbauprozesse ablaufen, die unter anderem zu niedermolekularen Abbauprodukten führen.
  • Ein warmer, lebender Körper sondert grundsätzlich mehr Geruch ab als ein kalter, lebender Körper.
  • Ein warmer Körper in warmer Umgebung (Wiese, Wald, Trümmer…bei entsprechenden Temperaturen) hat grundsätzlich mehr „Konkurrenzgerüche“. Ein warmer Körper sondert viel Geruch ab, in der Wärme noch mehr, da auch Schweiß, der z.B. Buttersäure (Molmasse 88,1g/mol) enthält, etc. dazu kommt. Der Geruch kann sich gut weiterverbreiten, das gilt allerdings auch für alle anderen Gerüche (flüchtigen Verbindungen), die damit in Konkurrenz zum menschlichen Geruch stehen. Grundsätzlich sondert auch ein kalter Körper in warmer Umgebung mehr Geruch ab als in kalter Umgebung.
  • Ein warmer Körper in kalter Umgebung (z.B. Schnee) hat grundsätzlich weniger „Konkurrenzgerüche“, da auch aus der Umgebung weniger Substanzen in die Gasphase übertreten. Daher kann sich ein Hund im Schnee sehr gut auf den menschlichen Geruch konzentrieren, da andere Geruchsstoffe kaum vorhanden sind. Der Hund lernt seinen „Leitgeruch“ in Reinform kennen und prägt ihn sich ein. Routinierte Hunde können im Schnee-Training dieses „reine Geruchsbild“ bei korrekter Arbeit wieder auffrischen.

Probleme, die sich ergeben können:

  • In der Kälte (Schnee) hat der Mensch dichtere nach innen isolierende Kleidung an – dies führt zu einer geringeren Geruchsausbreitung. Was aber gleich bleibt ist, dass weniger Konkurrenzgerüche vorhanden sind. Das außen kühle Gewand (Anorak, Schuhe…) sondert entsprechend der vorher angeführten Bedingungen nur wenig Geruch ab. Ebenso entsteht aus der Umgebung (Pflanzen, Erde, Schnee…) wenig Geruch.
  • Werden in diesem Umfeld, stark riechende Hilfsmittel in den Schneehöhlen verwendet, so wird das Futter/Spielzeug zu einem sehr intensiven Konkurrenzgeruch zum menschlichen Geruch. Der Hund bekommt das Hauptsignal Futter/Spielzeug anstelle des menschlichen Geruches, womit das eigentliche Hauptsignal, der menschliche Geruch, unter Umständen an Intensität übertroffen wird. Im besten Fall kommt es zu einer Überlagerung der zwei Geruchsinformationen für den Hund. Besonders kritisch wird es dann, wenn eine Person für mehrere Suchphasen in der Schneehöhle liegt und immer wieder Futter verabreicht (es gibt kein geruchsfreies Futter). In diesem Fall erfüllt der Futtergeruch letztlich die ganze Höhle.
  • Auch Spielzeug hat oft einen sehr intensiven Eigengeruch. Dies kann jedoch durch Abwechslung der verwendeten Spielzeuge auf einen Minimalstörfaktor reduziert werden. Wichtig ist hier zu bedenken, dass der Hund nicht nur „sein“ Spielzeug bekommen sollte. Spielzeuge mit einem sehr starken Eigengeruch sollten keine Verwendung finden, es ist für den Aufbau des Leitgeruches nicht förderlich.

Literatur:
Legrum W.: Riechstoffe, zwischen Gestank und Duft; Vorkommen, Eigenschaften und Anwendungen von Riechstoffen und anderen Gemischen, Studienbücher Chemie, Verlag Springer Spektrum, Wiesbaden 2015, 2. Auflage, ISBN978-3-658-07309-1

Moore W. J., Hummel D. O. : Physikalische Chemie, Verlag Walter de Gruyter Berlin, New York 1986, 4. Auflage, ISBN 3-11-010979-4 .

Mortimer E.C., Müller U.: Chemie – Das Basiswissen der Chemie, Verlag Georg Thieme, Stuttgart 2015, 12. Auflage, bearbeitet von J. Beck, ISBN 978-3-13-484312-5

B. Hinterstoisser